
Von Anton von Perfall erschien bei AlbertLangen:
| Die Malschule | Novelle | 5. Tausend |
Kleine Bibliothek Langen Band 50
Anton von Perfall
Novelle
Viertes Tausend

Albert Langen
Verlag für Litteratur und Kunst
München 1908

Der Herbst hatte seinen Einzug gehalten inden Halligen.
Scharen wilder Gänse grasen zwischen denLämmern; um die Wattströme mit ihrem vielverschlungenemNetz von kleinen Wasserläufenstreichen mit ohrenbetäubendem Gezeter unzähligeMövenenten, während Langbeine aller Art,welche die Wanderschaft nach fernen Ländernhier zusammengefunden, in dem zähen Schlickherumstechen nach Meergetier, und in dengrünen Wasserläufen selbst, die vom Meerehereindrücken, der Tümmler sein lustiges Wesentreibt.
[S. 8]In der Nacht aber saust und braust es inden Lüften von Tausenden von Flügeln, mitder Brandung um die Wette, die weit draußensich bricht, oft so dicht über dem Strohdach,daß die Schläfer erschreckt auffahren und denseltsamen Lauten aufhorchen. Die Alten bekreuzigensich wohl und drehen sich auf dieandere Seite, die Jungen aber packt das Sehnennach fernen Ländern, und Bild auf Bild verscheuchtden Schlaf.
Gestern kehrte man vom Markte zu Wykzurück, die Schiffe vollgestopft mit Winterwaren.Jetzt konnte es losgehen! Man hattenichts mehr zu suchen draußen.
Die Binnenarbeit hob an. Der erste „Aufsitz‟sollte bei den Götreks genommen werdenauf der Götrekswarf, die acht Giebel umfaßte.
Mutter Götrek hauste dort seit zwölfJahren mit ihren beiden Söhnen Lars undKnut. Den Vater hatte die Nordsee geholt,die Mordsee, wie sie Mutter Götrek nannte;es vollzog sich damit nur ein altes Hausgesetz[S. 9]— kein Götrek lag bis jetzt auf dem Kirchhofvon P...
Lars war damals sechs Jahre alt, so fielLast und Pflicht des Vaters auf den acht Jahreälteren Knut und trug nicht wenig dazu bei,den ohnehin ernsten, verschlossenen Jungenrascher zum Manne heranreifen zu lassen undden Altersunterschied der beiden Brüder fühlbarerzu machen. Knut war der Herr imHause, das kindliche Verhältnis zur Mutterwar allmählich ganz erloschen; ebenso sahLars in ihm bald nur noch das Haupt derFamilie, dem er sich willig unterordnete, zumalKnut ihm wirklich väterliche Liebe und Sorgfaltangedeihen ließ. Ja, Lars war seine einzigeSchwäche; er wetteiferte mit der Mutterin Zärtlichkeit für den hübschen, sonnigenJungen, der an Leibesgestalt und Aussehennur