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Zwischen neun und neun
Ein Verzeichnis
der Schriften
von
Leo Perutz
findet sich
am Schluß
dieses Buches
Roman
von
Leo Perutz

4. bis 6.
Auflage
Albert Langen, München
Copyright 1918 by Albert Langen, Munich
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht,auch für Rußland, vorbehalten.
Leo Perutz Albert Langen
Die Greislerin in der Wiesengasse, Frau JohannaPüchl, trat an diesem Morgen gegen halbacht Uhr aus dem Laden auf die Straße. Es warkein schöner Tag. Die Luft war feucht und kühl,der Himmel bewölkt. Das richtige Wetter, umsich einen kleinen Schnaps zu vergönnen. AberFrau Püchls Slivovitzflasche, die im Kasten stand,war beinahe geleert und die Greislerin beschloß,den kleinen Rest, der kaum ein »Stamperl« zufüllen vermochte, für die »Zehnerjausen« aufzusparen.Vorsichtshalber versperrte sie die Flaschein den Küchenschrank, denn ihr Ehegatte, der imLichthof den zerbrochenen Greislerkarren reparierte,stimmte mit ihr in der Wertschätzung eines gutenSchnapses völlig überein.
Vor acht Uhr kamen nur ein paar Stammkunden:Der Friseurgehilfe, dem sie allmorgendlich sein Frühstück,ein Butterbrot mit Schnittlauch und einBüschel Radieschen, zurechtmachte. Zwei Schulkinder,die um zwölf Heller »saure Zuckerln« kauften.Die Köchin der Frau Inspektor aus demersten Stock des Elferhauses, die ein Häuptel Salatund zwei Kilo Erdäpfel bekam, und der Herr ausdem Arbeitsministerium, der seit Jahren täglicheinen »feinen Aufschnitt« für sein zweites Frühstückim Geschäfte der Frau Püchl erstand.
Lebhaft wurde das Geschäft erst nach acht Uhr und gegen halb neun hatte Frau Püchl alle Händevoll zu tun. Kurz nach neun Uhr erschien die alteFrau Schimek, der die Ecktrafik in der Karl-Denk-Gassegehörte, zu einem längeren Plausch. DasGespräch drehte sich um das Mißgeschick, das derFrau Püchl mit einer aus Ungarn bezogenen SendungBrimsenkäs zugestoßen war. Und in diesemGespräch wurden sie durch das Erscheinen StanislausDembas unterbrochen, eben jenes HerrnStanislaus Demba, dessen merkwürdiges Verhaltenden beiden Frauen noch wochenlang reichlichenGesprächsstoff bot.
Demba war dreimal an der Tür vorbeigegangen,ehe er sich entschloß, einzutreten, und hatte jedesmaleinen scheuen Blick in das Ladeninnere geworfen.Es sah aus, als suche er jemanden. Auchdie Art, wie er eintrat, war auffallend: Er drücktedie Klinke nicht mit der Hand, sondern mit demlinken Ellbogen nieder, und bemühte sich sodann,mit dem rechten Knie die Tür aufzustoßen, wasihm nach einige