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Auf der Universität Lore

Theodor Storm

Ich hatte keine Schwester, welche mir den Verkehr mit Mädchenmeines Alters hätte vermitteln können; aber ich ging in dieTanzschule. Sie wurde zweimal wöchentlich im Saale des städtischenRathauses gehalten, welches zugleich die Wohnung des Bürgermeistersbildete. Mit dessen Sohn, meinem treuesten Kameraden, waren wiracht Tänzer, sämtlich Sekundaner der Lateinischen Schule unsrerVaterstadt. Nur in betreff der Tänzerinnen hatte sich anfänglicheine scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit herausgestellt; dieachte standesmäßige Dame war nicht zu beschaffen gewesen.

Allein Fritz Bürgermeister wußte Rat. Eine frühere bei allenFestschmäusen von der Frau Bürgermeisterin noch immer zugezogeneKöchin seiner Eltern war an einen Flickschneider verheiratet, einengelben hagern Menschen mit französischem Namen, der lieber imWirtshaus das große Wort, als auf seinem Schneidertisch die Nadelführte. Die Leute wohnten am Ende der Stadt, dort, wo die Straßedem Schloßgarten gegenüberliegt. Das schmale Häuschen mit dergroßen Linde davor, welche das einzige neben der Tür befindlicheFenster fast ganz beschattete, war uns wohlbekannt; wir waren oftdaran vorübergegangen, um einen Blick des hübschen Mädchens zuerhaschen, das hinter den Reseda- und Geranientöpfen an einerNäharbeit zu sitzen pflegte und in unsern Knabenphantasien einenicht unbedeutende Rolle spielte. Es war das einzige Kind desfranzösischen Schneiders, ein dreizehnjähriges zierliches Mädchen,das auch in der Kleidung, trotz der geringen Mittel, von der Mutterin großer Sauberkeit gehalten wurde. Die bräunliche Hautfarbe unddie großen dunkeln Augen bekundeten die fremdländische Abkunftihres Vaters; und ich entsinne mich noch, daß sie ihr schwarzesHaar sehr tief und schlicht an den Schläfen herabgestrichen trug,was dem ohnehin kleinen Kopfe ein besonders feines Aussehen gab.Fritz und ich waren uns bald miteinander einig, daß LeonoreBeauregard die achte Dame werden müsse. Zwar hatten wir mitHindernissen zu kämpfen; denn die übrigen kleinen Fräulein und"gnädigen" Fräulein wurden sehr seriös und einsilbig, als wirunsern Vorschlag mitzuteilen wagten; allein die Künste ihresLieblingssohnes hatten die Bürgermeisterin auf unsre Seite gebracht,und vor dem heitern und resoluten Wesen dieser wackern Frauvermochten weder die gerümpften Näschen der kleinen Damen, noch,was gefährlicher war, die bestimmten Einwände ihrer Mütterstandzuhalten.

So waren wir denn eines Nachmittags unterwegs nach dem Häuschen desfranzösischen Schneiders.—Sonst hatte ich oft wohl bedauert, daßmeine Kameradschaft mit dem Sohne unsers Haustischlers eingegangenwar, dessen Schwester fast täglich mit der kleinen Beauregardverkehrte; ich hatte auch wohl daran gedacht, die Bekanntschaftwieder anzuknüpfen und mich in der Werkstatt seines Vaters in derSchreinerei unterweisen zu lassen; denn Christoph war im übrigenein ehrlicher Junge und keineswegs auf den Kopf gefallen; nur daßer auf die Schüler der Gelehrtenschule, "die Lateiner", wie er miteiner unangenehmen Betonung sagte, einen wunderlichen Haß geworfenhatte; auch pflegte er sich unter Beihilfe gleichgesinnter Freundeauf dem Exerzierplatz von Zeit zu Zeit mit den Lateinern nachLeibeskräften durchzuprügeln, ohne daß jedoch durch dieseSchlachten

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